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REZENSIONEN/PRESSE


Wir sind dabei! Bad Nauheim ist ein wunderschöner Ort und die Ernst-Ludwig-Buchmesse eine ganz besondere Veranstaltung! Auch für Nicht-Leser!
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Teilnahme an der Buchmesse in Frankfurt, Pics: Frankfurter Buchmesse und Beatrix van Ooyen

"Ein Buch wie ein sprühender Springbrunnen", Frankfurter Neue Presse 11.10.2016, Text und Foto: Petra Ihm-Fahle
"Ein Buch wie ein sprühender Springbrunnen", Frankfurter Neue Presse 11.10.2016, Text und Foto: Petra Ihm-Fahle

WEIBLICHE GENEALOGIE Ein Roman von Ljiljana Habjanovic Djurovic

Erschienen 2016 im BOOY-VERLAG,

vorgestellt von Übersetzerin

Olivera Sabo,

Bad Nauheim, 04.10.2016


 

Die Handlung spielt im 19. und 20. Jahrhundert in der Bucht von Kotor und in den hohen Bergen von Montenegro, genauer gesagt in Cetinje, dem Hauptsitz der Herrscher von Montenegro.

 

Krstinja, das zierliche und früh verwaiste Mädchen, das bei den Verwandten ihres verstorbenen Vaters nach seinem Tod weiterleben darf, wird wegen der Heldentaten des Vaters zur Auserwählten.

 

Als der steinreiche Privatier Jovan die zwölfjährige Krstinja als Braut für seinen Sohn Niko über den Krstac-Sattel nach Dobrota in die Bucht von Kotor mitnimmt, scheint es ihr so, als ob sich ihr Schicksal doch noch zum Guten wendet. Aber weit gefehlt: ihr Leben besteht im Wesentlichen aus der mühevollen Pflicht, das Blut ihrer Vorfahren mit dem Blut von Jovans Sohn Niko zu vermengen und einen lebensfähigen Sohn zu gebären. Wegen der in über zwei Jahrzehnten entstehenden Schwangerschaften und dem Trauern über den ständigen Verlust ihrer gerade geborenen Söhne, ist sie nicht in der Lage, den immensen Reichtum zu genießen: den von Jovan entdeckten Schatz der illyrischen Götter.

 

Deprimiert von der Unfähigkeit, ihrem Mann Niko einen lebensfähigen Stammhalter zu schenken, findet Krstinja keine Kraft ihre Töchter zu lieben: „Weibliches Kind - fremdes Abendbrot“ tut sie sie ab.

 

Das lieblose Leben ihrer Mutter prägt die Mädchen, die sich ein besseres Leben wünschen; insbesondere Milena, Krstinjas älteste Tochter und Jovans liebste Enkelin leidet darunter und schwör sich, die Liebe ihres Lebens zu finden.

 

Nach dem Tod von Jovan und dem dreisten, aber erfolgreichen Antrag von Joke, Nikos Schwester, den Nachlass gleichberechtigt zu teilen, kehrt Niko mit seiner Familie, verarmt und zutiefst beleidigt nach Cetinje und damit ins Land seiner Großväter zurück. Dabei wird er von einem angesehenen Mitglied der Großfürstenfamilie Petrovic tatkräftig unterstützt. Die von ihm organisierte Vermählung von Nikos ältester Tochter Milena mit dem Spross einer der angesehensten Familien soll Niko helfen, seinen gesellschaftlichen Status wiederherzustellen. Doch Milena entscheidet sich allen zum Trotz, ihrem Herzen zu folgen, wodurch sie ihre Familie in eine gesellschaftlich und infolgedessen wirtschaftlich schwierige Lage bringt.

 

Im Namen der Liebe nimmt es Milena mit einer Reihe der widrigsten Umstände auf. Ihren Prinzipien treu bleibend, kämpft sie um ihre Liebe bis zum Ende ihrer Tage.

 

Marica, eine der Töchter Milenas, entschließt sich einen einfacheren Weg zu gehen, einen Weg der Kompromisse. Dennoch entkommt sie den für sie bestimmten bitteren Erfahrungen nicht.

 

Maricas Tochter Vera, die blind an die Gleichberechtigung der Geschlechter glaubt und trotz der verschmähten Liebe bis zum bitteren Ende noch auf ein „Happy End“ hofft, bemüht sich vergebens ihre Ehre aufrechtzuerhalten. Ein Entkommen des blutigen Erbes ihrer Vorfahrerinnen ist ihr ebenfalls nicht gegönnt.

 

Veras Tochter Iva, die Augenzeugin des trostlosen Daseins ihrer Mutter, in der gespaltenen Welt einer anderen gesellschaftlichen Ära aufgewachsen, nimmt sich selbstbewusst vor, den Teufelskreis der weiblichen Schicksale zu durchbrechen. Ob und vor allem wie es ihr gelingt, erfährt man am Ende des Romans.

 

Der Roman handelt vom Leben und Status der Frau als Mutter und Tochter zwischen 1870 und 1996. Die Unterdrückung der Frau wird in fünf aufeinanderfolgenden Generationen detailreich geschildert.

 

Die Autorin bedient sich oft unvollständiger Sätze und ungewöhnlicher Assoziationen, die der erstarrten Sprachlosigkeit der tiefen Emotionen Ausdruck verleihen und zwar in jener vertrauten Form, die gerade noch praktikabel ist, wenn einem der Atem stockt und es einem die Sprache verschlägt.

 

Die Sprache variiert, der Gegend und der Zeit des Geschehens angepasst, womit die historische und geografische Authentizität zwar betont wird, für den Leser aber gewöhnungsbedürftig ist und einige Kenntnisse über die Gegend und Geschichte voraussetzt.

 

Sprunghafte und stellenweise abrupte Ortswechsel erfordern ein aufmerksames Lesen, weshalb dieser Roman für die Kategorie „Leichte Bettlektüre“ ungeeignet ist.

 

Was als harmloser Frauenroman beginnt, entpuppt sich als willkommene Hilfestellung zur Verbalisierung der typisch weiblichen, emotionalen Verletzungen und Gefühle, die heute noch oft eine Frau verstummen lassen; eine offene, ehrliche und schonungslose Darstellung der Frauenrolle und der in der Gesellschaft und hinter verschlossenen Türen gelebten Emanzipation: „Die Töchter! Diese Armen, die den fest gestampften Trampelpfad und unausweichlichen Weg ihres Schicksals gehen müssen.“

 

Dieser Roman zeigt, wie zwiespältig wir im Hier und Jetzt des heutigen Europas der Emanzipation der Frau gegenüberstehen. Er ist ein Roman mit dem hohen Anspruch, den Leser zum Nachdenken und Handeln aufzufordern. Das macht ihn gerade jetzt so sehr lesenswert.